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Das kranke Gesundheitssystem

Anregung und Kritik erwünscht

Als steter Streiter gegen ein in meinen Augen ungerechtes Gesundheitssystem, dessen Gewinner die Krankenkassen und dessen bedauerliche Opfer die Patienten sind, freue ich mich über jede Form von Zustimmung, Ratschlag, Anregung oder Kritik. Ich wünsche mir nur, dass bei aller nachvollziehbarer Emotion der gute Ton in schriftlichen Beiträgen die erste Geige spielt.

Dr. Christian Nunhofer

Krankenhäuser: Ethik vs. Monetik

Das Allerletzte Posted on 06 Nov., 2014 08:48:06

Die
„Presseagentur Gesundheit“ berichtet am 27. Oktober unter
der Überschrift: „Krankenhaus: ethischer Anspruch und
Kostendruck schwer vereinbar“, dass der Deutsche Ethikrat auf
seiner Herbsttagung in Dresden zu folgender Erkenntnis gekommen ist:
„Der Patient ist Zweck der Gesundheitsversorgung, nicht Mittel
zur Erlösmaximierung.“

Ja
gut, aber bedeutet das nun, im Krankenhaussektor wieder alles
umstellen zu müssen? Schon allein die Kriterien bei der Neubesetzung
von Chefarztstellen bedürften gravierender Änderungen – obgleich
sie sich bis jetzt doch so glänzend bewährt haben:

1.
Röntgenaufnahme vom Brustkorb aller Chefarztkandidaten. Wem das
Rückgrat fehlt, kommt in die engere Auswahl.

2.
Praktische Übung: Wer den tiefsten Kotau vor dem Verwaltungsleiter
schafft (gemessen im Stirn-Boden-Abstand), hat den Chefarztposten
gewonnen!

Operieren bringt fette Umsätze

Und
nun soll in den Kliniken plötzlich wohl wieder Medizin statt
Ökonomie dominieren?! Die Ärzte sind anscheinend angehalten, wieder
darüber zu befinden, was medizinisch sinnvoll ist, anstelle die
Vorgaben der Verwaltungschefs umzusetzen. Dabei haben uns doch gerade
diese Herrschaften unangefochten zu medizinischen Weltmeistern
gemacht – wenn wir schon im Export weltweit nur noch die Nummer zwei
sind.

Wir
haben global die meisten Operationen pro Kopf der Bevölkerung.
Operieren – vor allem an der Wirbelsäule und an den Gelenken –
rentiert sich nämlich. Das spült richtig fette Umsatz-Kohle in die
Kasse der Klinikverwaltung. Die Damen und Herren Chefärzte werden
von der Verwaltung mit Bonuszahlungen geradezu angespornt, möglichst
oft zum Skalpell zu greifen. Je mehr Operationen, desto höher der
Bonus. Dann gleich ab nach Hause mit dem Patienten – wurscht, ob’s
noch blutet oder nicht. Länger in der Klinik bleiben bringt im
derzeitigen DRG-Vergütungssystem nämlich keinen Cent mehr
Einnahmen. Der Patient „kostet“ nur noch: will Pflege und auch
noch was zum Essen „für lau“, was letztendlich die Rendite
schmälert!

Deutschland
liegt immer noch auf Platz drei, was die Zahl der Klinikbetten
umgerechnet auf die Bevölkerung angeht: gleich nach Japan und
Südkorea. In der sogenannten westlichen Welt führen wir
unangefochten die Rubrik „Zahl der Krankenhausbetten“ an.

Kapitalbildung muss Nebeneffekt bleiben

Meine
Meinung (nun ganz unsatirisch): Eine Orientierung am Menschen statt
am Kapital ist für die Kliniken unumgänglich. Dazu gehört die
Zurückführung des gesamten Kliniksektors in die Öffentliche Hand
oder in frei-gemeinnützige Trägerschaft wie zum Beispiel die der
Kirchen. Von kleinen privaten Spezialkliniken in ärztlicher Hand
einmal abgesehen. Krankenhäuser dürfen nicht mehr gewinnorientiert
arbeiten, falls man gewillt ist, die derzeitigen Missstände
abzuschaffen. Die Politik hat zu akzeptieren, dass die menschliche
Gesundheit im Klinikbetrieb ein Zuschussgeschäft sein muss, falls
menschen- und nicht kapitalorientiert gewirtschaftet wird. Ein
„sowohl als auch“ ist nicht praktikabel. Das haben die
letzten Jahrzehnte bewiesen. Versicherungsbeiträge dürfen nicht zum
Teil als Dividende bei Klinikkonzern-Aktionären landen.

Bin
ich nun ein Kommunist? Nein. Aber auch kein Kapitalist. Das
kommunistische Groß-Experiment im vergangenen Jahrhundert in weiten
Teilen dieser Erde ist grandios gescheitert. Allerdings ist ein
kapitalistisches System für alle Verrichtungen nah am Menschen nicht
das Gelbe vom Ei, wie die Misere in deutschen Krankenhäusern zeigt.

De facto sind Veränderungen tabu

Ob
unsere Volksvertreter diese Erkenntnis teilen und umsetzen? Ich habe
keinen Zweifel, dass vor allem Gesundheitspolitikern genau diese
Denkweise vertraut ist und im Inneren akzeptiert wird. De facto darf
es aber zu keiner Veränderung im Klinikvergütungssystem kommen.
Denn dadurch würden die üppig dotierten
Politiker-Aufsichtsratsposten für Kliniken und Krankenkassen
gefährdet. Wie viel genau da unter dem Strich rauskommt, wollen Sie
wissen? Am besten, Sie fragen einfach mal den
SPD-Gesundheitsprofessor Karl Lauterbach – den freundlichen Herrn mit
der stets ordentlichen Frisur und der Fliege:

http://www.abgeordnetenwatch.de/karl_lauterbach-778-78292.html

Der
könnte Ihnen darüber aus eigener fortwährender Erfahrung
berichten. Ob er es tut? Lassen Sie es mich so ausdrücken: ich habe
gewisse Zweifel.



Das Gefängnis als sicherer Hort

Das Allerletzte Posted on 01 Nov., 2014 06:25:18

„Gehe in das
Gefängnis!“ Sie kennen diesen Befehl als leidenschaftlicher oder
gelegentlicher Monopoly-Spieler sicher. Und wissen, dass niemand – nicht einmal beim Monopoly – freiwillig einem Knast-Aufenthalt zustimmt. Genauso wenig wie im echten Leben,
oder?

Na ja, Jean Gabin wollte als Clochard Archimede im berühmten
Film von 1959 „Im Kittchen ist kein Zimmer frei“ im Knast überwintern
– was ihm aber nicht gelang. Seine Randale war dem Richter zu wenig, und so
musste er wohl oder übel in der kalten Jahreszeit von Paris zur Cote azur
tippeln.

Vorab zur Erläuterung: Wer Kassenarzt sein will, wird
Zwangsmitglied in der für seine Gegend zuständigen Kassenärztlichen
Vereinigung, kurz „KV“. Die KV verteilt das von den Krankenkassen
überwiesene Geld unter den Ärzten, unter anderem mit monatlichen
Abschlagszahlungen – und führt die Beschlüsse der Politik aus: die
Kassenärztlichen Vereinigungen sind an die Weisungen der
Landesgesundheitsministerien gebunden.

Professionelle Penner

Jetzt kommt’s: Es gibt einen ganzen Berufsstand, der sich
freiwillig „ins Gefängnis“ begeben hat. Man kann sozusagen von „professionellen
Pennern“ sprechen. Das verdeutlicht folgender kurzer Wortwechsel, den ich
neulich bei einer berufspolitischen Versammlung von Kassenärzten aufgeschnappt
habe. Obschon ich selbst vor einem Jahr aus dem Kassenarztsystem ausgestiegen
bin, hat mich die Neugier gepackt und ich bin hingegangen.

Meint in selbiger Versammlung ein Kollege und Aktiver in der
Kassenärztlichen Vereinigung: „Wir sitzen alle freiwillig im
Gefängnis.“

Ruft unsereiner – wirklich entsetzt – dazwischen: „Ja,
warum kann man nur freiwillig ins Gefängnis gehen?!“

Antwortet mein Sitznachbar zur Rechten augenzwinkernd und
lapidar: „Weil’s da was zu essen gibt.“

Tja, Ärzte haben offenkundig Angst vorm Verhungern. Deswegen
begeben sie sich freiwillig ins Kassenarzt-Gefängnis, erhalten ihre monatlichen
Abschlagszahlungen und müssen – zwar murrend, aber innerhalb des KV-Systems
wehrlos – immer fettere Kröten schlucken, die ihnen die Politik via KV
serviert.

Ach ja, da kam in selbiger Versammlung die Frage auf, warum
denn nicht die von den Ärzten und vermeintlich für die Ärzte gewählten
KV-Vorsitzenden sich gegen die Politik stellen und bei zu arger Gängelung ihr
Amt hinwerfen? Antwort vom KV-Aktiven: „Äh, … da sind die Vergütungen zu
hoch.“

Stimmt: der Vorsitzende der Bundes-KV erhält als Vergütung
laut „Deutsches Ärzteblatt“ vom 14.03.2014 (Seite A 475) 326.372,80 €
pro Jahr plus Dienstwagen, die Länder-KV-Fürsten liegen bei ca. 60 bis 80
Prozent dieses Satzes.


Obolus für Sklaventreiber

Im Klartext: die niedergelassenen Ärzte

– finanzieren ihren eigenen Sklaventreiber von der Organisation „Kassenärztliche Vereinigung“ selber

– sie zahlen deren Vorsitzenden so hohe Gehälter, so dass
diese an ihren Posten kleben und zuverlässig kneifen, wenn es darum geht, die
Interessen der Ärzte gegenüber der Politik nachhaltig zu vertreten. Ein
„Das mach ich nicht mehr mit, ich trete aus Protest zurück“ gibt’s
bei solch horrenden Vergütungen nicht – da ist den Damen und Herren KV-Funktionären
das eigene Hemd viel näher als der Rock der sie alimentierenden Kassenärzte.

Darauf ein donnerndes „Helau!“

Wer freiwillig zur Domina geht, braucht sich über kräftige
Hiebe nicht zu beklagen. Und genau wie eine Domina behandeln Politik und Kassen
die Kassenarzt-Masochisten, ganz nach dem Motto: „Jammert nicht, keiner
zwingt euch, mitzumachen.“ Auf die Idee, dass es auch außerhalb des
Gefängnisses etwas zu essen gibt, kommt von den Kassenärzten allerdings fast
keiner. Resultat: Selber schuld! Wer freiwillig aus Angst vor Verarmung das
Gefängnis wählt, hat genau solch eine Behandlung verdient!



Stinkt Geld wirklich nicht?

Das Allerletzte Posted on 24 Okt., 2014 08:13:46

„Geld stinkt nicht“ antwortete der römische Kaiser Vespasian bekanntlich seinem Sohn Titus, als der ihm Vorhaltungen wegen der soeben eingeführten Latrinensteuer machte. Sicher ist das auch Ihr Motto, lieber Herr Kollege Eckart von Hirschhausen, der Sie sich neuerdings nebenbei als Kolumnist der AOK verdingen.

„Bleib gesund“ heißt das Mitgliedermagazin der AOK. Und „Bleib gesund“ kann man als gewissenhafter Arzt AOK-Mitgliedern wirklich nur wünschen – bei dem Versicherungsschutz, den sie dort „genießen“.

Neulich, sehr geehrter Kollege Hirschhausen, haben Sie sich in dieser betriebseigenen Werbebroschüre der Allgemeinen Ortskrankenkassen sehr positiv über Arztbewertungsportale geäußert, mit deren Hilfe der Versicherte ja gute (!) Ärzte finden könne.

Zu gut wäre schlecht

Was Sie offenkundig nicht wissen: Versichert ist bei der AOK (wie übrigens bei allen Gesetzlichen Krankenkassen) nur ausreichende (!) Medizin. In Schulzensuren ausgedrückt: Behandlung maximal Note 4. Ärzte die zu „gut“ (Note 2) behandeln, verfolgt die AOK mit Regress-Verfahren unter Berufung auf den Paragraf 12 SGB V, der gewissermaßen zementiert, die betreffende Klientel eben nur „wirtschaftlich ausreichend, notwendig und zweckmäßig“ zu kurieren.

Nun, persönlich braucht Sie das ja nicht zu stören, denn Sie selber sind ja wohlweislich nicht AOK-versichert – oder etwa doch? Eine konkrete Beantwortung dieser Frage würde mich ebenso freuen wie überraschen.

Vor einem Jahr habe ich meine Kassenzulassung zurückgegeben, weil ich keinesfalls bereit bin, meine Patienten mit Hilfe der Elektronischen Versichertenkarte für die Kassen auszuspionieren. Jenen Patienten, die sich seinerzeit nach vergeblichem eigenem Bemühen mit der Bitte an ihre AOK wandten, für Sie einen weiterbehandelnden Nervenarzt zu finden, antwortete die Kasse in einem Standardbrief: „Bezugnehmend auf Ihre Anfrage zur Terminvereinbarung bei einem anderen Nervenarzt/Neurologen/Psychiater teile ich Ihnen mit, dass wir aufgrund der im §76 SGB V geregelten freien Arztwahl keine Möglichkeit haben, für Sie ohne weitere Angaben einen Termin zu vereinbaren. Es besteht für die Krankenkassen auch keinerlei Verpflichtung, für die Versicherten bei Vertragspartnern Termine zu vereinbaren.“

Nur der Patient lacht nicht

Beigelegt wurden den Schriftstücken Nervenarztlisten mit Anschriften Dutzender Praxen von Bayreuth bis nach Neutraubling bei Regensburg. Klar, so ein bis zwei Stunden Autofahrt „einfach“ zum Facharzt sind einem Patienten nach Vorstellung der Gesundheitskasse locker zuzumuten. Komischerweise fanden die Patienten das gar nicht zum Lachen – obwohl lachen ja angeblich sooo gesund ist und nichts kostet, wie Sie selbst und auch Ihr Teilzeit-Auftraggeber doch bei jeder Gelegenheit betonen!

Ich muss mich berichtigen: Ein Patient hat doch gelacht! Der Herr,der mich trotz Rückgabe der Kassenzulassung weiter beehrt, erzählte mir glucksend: „Wissen Sie was? Gestern hat mich einer von der AOK angerufen und mir empfohlen, meine Ärzte doch im Arztbewertungsportal zu beurteilen. Ist doch toll, wofür AOK-Angestellte Zeit haben, oder?“ – „Na ja, die Zeit haben die Mitarbeiter wohl nicht, aber die AOK hat offenkundig beste finanzielle Reserven für ein externes Telefoncenter“, war meine Erwiderung.

Tja, es besteht zwar auch keine Verpflichtung für die AOK, Hirschhausen-Kolumnen für bestimmt nicht wenig Geld zu ordern – aber Werbung ist der AOK anscheinend wichtiger als Service.

Ein Fall für den Staatsanwalt?

Ganz nebenbei: Falls meine Vermutung zutrifft (dass der Anruf über einen Dienstleister ging), dann wäre sogar der Staatsanwalt zuständig. Aber was interessiert die AOK schon ein Bruch der Schweigepflicht, sofern die Werbekampagne für Arztbewertungsportale gut ankommt?

Darf ich Ihnen eine Anregung für eine neue Kolumne geben, werter Herr Kollege von Hirschhausen? Thema: „Warum es Krankenkassenbewertungsportale bräuchte“. Untertitel: „Weshalb die AOK eine Servicewüste für Versicherte, aber eine Goldquelle für mich ist“! Und vergessen Sie nicht, beim Verfassen herzlich zu lachen über die vielen armen AOK-versicherten Schlucker.

Stimmt schon: Selber schuld, wer so dämlich ist, mit seinen Beiträgen Hirschhausen-Kolumnen und Callcenter zu finanzieren, statt Leistung am Versicherten!

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Ihr Christian Nunhofer



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