Tschuldigung, das Kürzel KdöR kennen
Sie nicht, oder? Macht nichts. Kann ja nun wirklich nicht jeder
kennen. KdöR steht für „Körperschaft des öffentlichen
Rechts“. Man kann die sperrige Bezeichnung an sich gleichsetzen
mit dem profanen Begriff „Amt“. So eine „landesunmittelbare
KdöR“ ist zum Beispiel eine staatliche Universität. Aber auch
die AOK oder eine beliebige Betriebskrankenkasse.

Nun wissen Sie, wenn Sie den vorherigen
Aufsatz gelesen haben, dass das Leistungsspektrum der einzelnen
gesetzlichen Krankenkassen sich untereinander gleicht wie ein Ei dem
anderen. Wozu also Werbung „von Amts wegen“ für viel teures
Beitragsgeld zur besten Sendezeit im Fernsehen? Weshalb ganzseitige
Anzeigen in auflagenstarken Tageszeitungen, Magazinen, Zeitschriften?

Von Krankheit keine Ahnung

Ja doch, es gibt kritische
Berichterstattung über gesetzliche Krankenkassen: Die „böse Kasse
X“ hat der Oma Meier den Rollstuhl verweigert, den sie doch so
dringend bräuchte. Und die „dumme Kasse y“ zahlt nur noch
undichte Windeln für inkontinente Senioren. (Nebenbei: So etwas
sollte Sie nicht wundern. Wenn sich eine Kasse schon selbst
„Gesundheitskasse“, „Unternehmen Gesundheit“ oder
noch „hipper“ tituliert, dann signalisiert sie doch klar und
deutlich, dass die Brüder dort von Krankheit keine Ahnung
haben, oder?)

Es müsste Kritik hageln. Von den Medien. Am ganzen
sinnlosen Kassensystem. Mit seinem sinnlosen Spitzenverband, der in
Berlin mit Immobilie in bester Lage – nur ein paar Meter von der
Regierung entfernt – sinnlose Funktionäre als Lobbyisten
beschäftigt. Kritik an dutzenden Vorstandsgehältern, Dienstwagen
und Fahrern, finanziert aus Pflichtversicherten-Beiträgen. Kritik an
dem Einerlei von Leistungsangebot bei hundertdreißig verschiedenen
Anbietern!

Unkritisiert und völlig sinnlos

Es ist Zeit, lieber Leser, in sich zu gehen: Haben Sie ob
solch himmelschreiender Zustände auch nur ein einziges Mal eine
bitterböse Kritik im Radio gehört, einen aufwühlenden Beitrag im
Fernsehen verfolgt, in irgend einer Zeitung einen scharfen Kommentar
gelesen? Irgendeine öffentlichkeitswirksame Kritik, die an diesem
morschen System rüttelt, dessen Sinn vor allem darin besteht,
etliche vollkommen überflüssige, weil einhundertdreißig Mal
parallel arbeitende Manager üppig zu bezahlen plus diejenigen
Spitzenverdiener, die im Spitzenverband der Gesetzlichen
Krankenkassen „tätig“ sind, zu entlohnen?

Nein? Dann verstehen Sie jetzt
bestimmt, wozu es gut ist, wenn Dutzende von Kassen von Ihren
Beitrags-Leistungen Werbegelder an Sender und die Print-Medien bezahlen.
Die Fernsehwerbung einer gesetzlichen Krankenkasse ist die lauteste
Form von Schweigegeld, die denkbar ist.

https://lobbypedia.de/wiki/Lobbyisten_im_Bundesministerium_f%C3%BCr_Gesundheit#Deutsche_Angestellten_Krankenkasse_.28DAK.29

Ulla Schmidt: BMG 2001-2009: Lobbyisten